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Screenshot aus "Dragon Age: Origins" (Bild: BioWare)

Dragon Age: Origins

Gewaltige Erwartungen gepaart mit ernüchternden Preview-Videos und Screenshots: Hat sich Bioware mit dem Grundgedanken, einen würdigen "Baldurs Gate"-Nachfolger darzubieten, übernommen? Von wegen. "Dragon Age: Origins" definiert das Genre als solches neu.



Plattform:
PC, Xbox 360, PS3
Genre:
Rollenspiel
Spieleranzahl:
1 (Offline)
Geeignet für:
Anfänger bis Profis
freigegeben ab:
18 + (USK)
erhältlich seit:
05.11.2009

Story

Als Mitglied einer erlesenen Truppe von Aragon-Anbetern - auch als Graue Wächter bekannt – gilt es, den Vormarsch von Orks, Dämonen und anderem Ungetier aufzuhalten. Andersrum wäre die harmonische Welt der Elfen, Zwerge und Menschen in Gefahr... so weit, so bekannt, so öde. Aber Bioware wären nicht Bioware, wenn sie aus diesem Herr der Ringe-Reprise nicht einen Story-Schlager kreieren würden.


Als Grundgerüst dienen sechs vollkommen verschiedene unabhängige Einstiege – anhängig von der Wahl des Spielcharakters inklusive seiner eigenen Hintergrundgeschichte. Als Magier zittert man schon nach wenigen Minuten um sein Leben, wenn die eigene Exekution auf der To-Do-Liste eurer Kaste aufscheint. Als Zwerg hingegen ist man erst mal damit beschäftigt, den Zuhälter der eigenen Schwester vom Verkauf ihres zu kurz geratenen Körpers abzuhalten. In der Rolle des Kriegers ist man während der ersten Minuten mit vergleichbar lapidaren Dingen, wie der Suche nach dem eigenen Hund beschäftigt.


Trailer: "Dragon Age: Origins"


Gameplay

Nachdem ein Charakter aus einem von drei Rassen und Klassen mit allen Details ausgearbeitet wurde, beginnt die individuelle Geschichte eures Helden. Erstaunlich, wie weit die Konsequenzen der zu Beginn getroffenen Wahl reichen: Als Vertreter der Arbeiterklasse wird man schon mal von oben herab behandelt, als Magier bekommt man Vorurteile satt um die Ohren gehauen und als Frau kommt man nicht um primitive Anmachsprüche herum – und damit wird man schon gut auf ein Abenteuer vorbereitet, das vor allem von kleinen und großen Entscheidungen lebt.


Die unterschiedlichen Geschichten werden von Schriftstücken und Aufzeichnungen getragen, die einen tiefen Einblick in die Beziehungen der Völker und der Entstehung von Felderon gewähren. Mit dem Hintergrund einer glaubhaften Welt werden prächtige Dialoge inszeniert, die eure volle Aufmerksamkeit verlangen – authentischer und emotionaler wurde noch kaum ein Universum erschaffen. Zum verlieben sind auch die Gespräche, die innerhalb der eigenen Truppe stattfinden. Diese offenbaren nach etlichen Spielstunden eine erstaunlich gut ausgearbeitete Charakterzeichnung sämtlicher Mitglieder. Allerdings wird nicht allein über Dialoge kommuniziert: Euer Verhalten im Spiel selbst, die Art, wie Entscheidungen getroffen werden, haben auch Einfluss auf Sympathie oder Antipathie eurer Mitstreiter.


Wer erinnert sich nicht gern an die Szene in "Mass Effect" aus dem Hause Bioware, in der es darum ging, die Existenz eines gesamten Volkes aufs Spiel zu setzen? Damals gab es noch eine Anzeige, die für das Moralverständnis des Spielcharakters stand – die gibt es in "Dragon Age: Origins" nicht mehr. Allein der Spieler entscheidet, ob seine Wahl für ihn vertretbar ist; die Grenzen zwischen "Gut" und "Böse" verschwimmen.


Screenshot aus "Dragon Age: Origins" (Bild: BioWare)


Neben dem mächtigen Handlungsbogen sind es auch die Kämpfe, die "Dragon Age: Origins" zu einem wahren Rollenspielgenuss machen: Ähnlich wie schon zu Baldurs Gate-Zeiten darf jederzeit die Zeit eingefroren und gemütlich Befehl erteilt werden. Bei bis zu vier aktiven Teammitgliedern bedeutet das beispielsweise, dass der Bogenschütze aus der Distanz arbeiten soll, der Kämpfer mit der richtigen Waffe drauflos kloppen muss, der Waldläufer ein helfendes Tier herbeiruft und der Magier einen passenden Spruch aus dem Hut zieht. Was in den ersten Spielstunden noch beinahe lachhaft einfach ist, wächst mit der Zeit zu Kämpfen von taktischer Tiefe heran.


Das Versprechen der Entwickler, eine düstere, erwachsene Welt zu präsentieren, wurde 100 % eingehalten. Wer dabei an "The Witcher" mit seinem ausufernden Brutalitäten und diversen sexuellen Inhalten denkt, liegt nicht gänzlich falsch. Bioware hat aber auch an zart besaitete Gemüter gedacht: so darf das sprudelnde Blut optional "abgedreht" werden – oder man lässt es sich nach einem dreckigen Kampf vom eigenen Hund ablecken.


Die Quest pendeln zwischen unfassbar genial und absolut daneben. So wird man in eine Parallelwelt verfrachtet, in der man sich clever in verschiedene Tierarten verwandeln muss, um voranzukommen. Vielen Kämpfen kann man auch durch Kommunikationsgeschick aus dem Weg gehen – und wird entsprechend mit Erfahrungspunkten belohnt. Leider kommen auch immer wieder nervige, aus Online-Rollenspielen zur Genüge bekannte Hol- und Bringaufträge vor. Darf's vielleicht noch ein Wolfsfell mehr sein? Gähn...


Einen Vorteil haben die monotonen Aufträge dennoch – man wird quasi gezwungen, auch entlegene Winkel der Welt zu betreten und stolpert so zwangsläufig über richtig interessante Aufträge oder entdeckt sogar neue potentielle Begleiter für eure Truppe.


Screenshot aus "Dragon Age: Origins" (Bild: BioWare)


Grafik

Durchschnittliche Texturen, lahme Animationen und Clippingfehler stehen einer gewaltigen Level-Architektur und glaubhafter Mimik gegenüber. Was die PC-Version den Konsolenvarianten definitiv neben einer höheren Auflösung und weniger Pop-Ups voraus hat, ist auch die wichtige isometrische Perspektive. Diese sorgt nicht nur für eine gute Übersicht während komplexerer Kämpfe, sondern schenkt dem Spieler auch brettspielartige Ansichten von Levelkonstruktionen. Auf PS3 und XBOX 360 muss man nicht nur mit grafischen, sondern auch mit Abstrichen bei der Steuerung leben – deshalb ist die PC-Fassung in jedem Fall vorzuziehen.


Sound

Großes Lob an die deutsche Synchro: Beinahe alle Stimmen der gewaltigen Textwüsten wurden gut ausgewählt und tragen viel zur intensiven Atmosphäre des Spiels bei. Musikalisch dagegen wird gewohnt gehobene Hausmannskost geboten, und das ist gut so. Statt martialischer Rock-Klänge aus den Preview-Videos herrschen opulente Orchester und hauchzarte Akustik-Gitarren vor.


Steuerung

Wie von klassischen RPGs gewohnt, läuft die komplette Steuerung über gut strukturierte Menüs, die per Mausklick kontrolliert werden. Auf Konsole erscheint bei Bedarf ein Kreismenü, über das sich einzelne Befehle aufrufen lassen – das kann bei komplexen Ketten in fortgeschritteneren Kämpfen aber zu mühsamer Handarbeit ausarten.


Screenshot aus "Dragon Age: Origins" (Bild: BioWare)


Fazit

"Dragon Age: Origins" ist, was sich Rollenspieler seit der Erfindung des Genres gewünscht haben: Eine lebendige, atmende Welt voller bewegender Momente und moralischen Entscheidungen. Selten wurde so intensiv geliebt und gelitten wie in Biowares Opus Magnum. Zum ersten Mal überhaupt kann ein Rollenspiel diesen Namen auch zu Recht tragen. Hier schlüpft man tatsächlich mit Haut und Haaren in eine Rolle und überträgt seine eigenen, realen Moralvorstellungen in diese fiktionale, aber doch so greifbare Fantasy-Welt.


Wertung: Sehr Gut

Wer vor seitenlangen Dialogen, komplexen Schriftstücken und übergreifenden Zusammenhängen zurückschreckt, sollte einen gewaltigen Bogen um das Spiel machen. "Dragon Age: Origins" verlangt dem Spieler viel Aufmerksamkeit und Geduld ab.

Die endlosen Möglichkeiten in diesem Gamecheck aufzuzählen, hätte jeden gesunden Rahmen gesprengt, und so bleibt es bei einer dicken, mit Ausrufezeichen versehenen Kaufempfehlung für Freunde der fesselnden, anspruchsvollen Spielekultur.


Pro & Contra

+ intensives Storytelling
+ hervorragend gezeichnete Charaktere
+ massig Nebenaufgaben
+ gewaltiger Umfang
+ tolle Vertonung der Dialoge

- Zäher, linearer Einstieg
- leider etliche Füll-Quests
- schelchtere Grafik als hauseigene Produkte
- schwächere Steuerung und Übersicht auf der Konsole





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